Sinn trotz Leid – Viktor Frankls Sinnlehre gegen die Sinnleere

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Mag. Elisabeth Gruber, Vorständin des VIKTORFRANKL ZENTRUM WIEN

Viktor E. Frankl, der Begründer der Sinn-Lehre (Logotherapie), hat sich als Arzt und Psychiater Zeit seines Lebens eingesetzt für den leidenden Menschen. Er erkennt, dass eine Erforschung der körperlichen und psychischen Ursachen eines Leidenszustandes zwar die schicksalhaften unabänderlichen Gegebenheiten beschreibt.

Die Frage, wie dieses Leiden bewältigt werden kann, bietet noch keine Lösung wie dem Unabänderlichen beizukommen ist. Hier bedarf es eines dreidimensionalen Menschenbildes, welches neben der körperlichen und der psychischen (emotional/kognitive) Dimension den Menschen beschreibt in seiner Motivation, eine Situation sinnvoll zu meistern.

Dieser Wille zum Sinn als Ur- Motivation ist – nach Ansicht Frankls – grundgelegt in jedem Menschen. Der Fokus wendet sich dabei vom unabänderlichen Schicksal („Warum trifft es gerade mich?“) hin zur Suche nach sinnvollen Möglichkeiten („Wozu fordert es mich heraus?“). Die Wahl der persönlichen Einstellung zum Leid eröffnet einen Raum an wertvollen Möglichkeiten zum Wohle des Leidende – und seiner Mit-Welt. Das Bewusstsein eines unzerstörbaren Personenkerns verhilft zu einem klaren Blick auf die Fakten, nämlich was die unabänderlichen Tatsachen sind und auf die Möglichkeit der Wahl, nämlich wie ich mich entscheide, damit umzugehen. Nach logotherapeutischer Ansicht erklärt ein Schicksal nie gänzlich das Verhalten eines Menschen, denn der Mensch ist nicht Opfer, sondern Mitgestalter seines Schicksals.

Dazu eine konkrete Umsetzung der Sinn-Lehre Frankls: „Eine junge Frau wendet sich an Elisabeth Lukas, eine Logotherapeutin und Schülerin von Viktor Frankl. Die Patientin leidet an einem langwierigen Hautausschlag, der ihr Gesicht entstellt. Wiederholt äußert sie den Satz „Ich ekle mich vor mir.“ In der Anwendung der dermatologischen Behandlung ist sie sehr nachlässig.

Für die Logotherapeutin ist es keine Frage, wo der Ekel herkommt, denn etwas Hässliches kann empfindsame Menschen abstoßen. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie eine 20- jährige junge Frau mit diesem Schicksal leben und ihm nach Kräften trotzen könne? Womit wir beim Stichwort „Schicksal“ (= Unfreiheit) angelangt sind. Was ist im vorliegenden Falle alles schicksalhaft? Oder umgekehrt: Gibt es inmitten dieser Problematik noch einen Spalt Freiheit für die Patientin, gleichsam einen freien Raum, in dem sie nach ihrer Wahl entscheiden kann? Da ist ihr Körper, mit einer Hautkrankheit belastet, und die Krankheit ist im Moment ihr „Schicksal“. Da ist ihre Psyche, mit dem Gefühl des Ekels belastet, und der Ekel ist im Moment ihr „Schicksal“. Und darüber hinaus: Da ist sie als geistige Person, aufgerufen persönlich Stellung zu nehmen zu Krankheit und Ekel. Nun – Stellung nehmen kann sie auf unterschiedlichste Art. Nichts und niemand in der Welt kann sie zu einer bestimmten Einstellung zwingen. Hierin gründet demnach ihr Freiraum, den es zu eröffnen und auszuschöpfen galt. Als Erstes lernt die Patientin, dass ihr Satz: „Ich ekle mich vor mir!“ schlichtweg falsch ist. Das Freilegen von Heilem und Schönem an und in ihr ermöglicht eine Umformulierung ihres Satzes. Der Satz soll korrigiert werden auf „Ich ekle mich vor meinem Ausschlag“, was sie akzeptiert.

Als Zweites lernt sie, „Ausschlag und Ekel“ zu bündeln, und zwar zu einer psycho-physischen Herausforderung des Schicksals an sie.
Wie kann sie dieser Herausforderung begegnen? Ein Zitat Frankls zur Trotzmacht des Geistes inspiriert sie zum Nachdenken. „Es gibt etwas, das ihr mir nicht nehmen könnt: meine Freiheit – zu wählen, wie ich auf das, was ihr reagiere!“. Die Augen der jungen Frau blitzen auf. „Richtig“, meint sie, „der Ausschlag bestimmt nicht über meine Reaktion auf ihn“. „Der Ekel auch nicht“, betont Lukas und sie nickt nach einigem Zögern. „Sie sind frei zu allem, was Sie samt Ausschlag bzw. Ekel unternehmen möchten“. Frankl schreibt dazu in einem Zitat: „… immer wieder gilt es, die „Trotzmacht des Geistes“, wie ich sie genannt habe, aufzurufen gegen die nur scheinbar so mächtige Psychophysis.“

Als Drittes wurde wir nach einem reizvollen Lebensplan gesucht. Welche Zukunft war es ihr wert, die triste Zeit des Klinikaufenthaltes und der unumgänglichen Behandlungs- prozeduren tapfer durch- zustehen? Es zeigt sich, dass die junge Frau vor ihrer Erkrankung beabsichtigt hatte, am Münchener Konservatorium Musik zu studieren. Dafür muss sie sich allerdings einer schweren Aufnahmeprüfung unterziehen. Nachdem sie begriffen hat, dass Ausschlag und Ekel sie nicht hindern können, auf diese Prüfung hin zu arbeiten. Wenn sie es zutiefst will, sollen auch keine äußeren Umstände ihre Wege versperren.

Ab diesem Zeitpunkt geht es mit ihrer Spitalsbehandlung voran, so als ob ihr geistiges „trotzdem Ja“ zur Zukunft verbindlich geworden ist auch für Körper und Psyche. Sechs Monate später inskribiert sie am Konservatorium – mit weitgehend abgeheilter Haut und frohem Herzen. Sie, die ganze Person, in der unendlich viel mehr Gestaltungsspielraum gesteckt ist, als das Schicksal ihr scheinbar beschneiden hat können.“ (nach Elisabeth Lukas: Rendezvous mit dem Leben. Ermutigungen für die Zukunft, München: Kösel Verlag) „Das Moment der freien Stellungnahme gilt gegenüber der eben bloß scheinbaren Nötigung durch die biologischen, psychologischen und soziologischen Bedingungen, sondern auch gegenüber einer zu verwirklichenden Wertmöglichkeit.“ (Viktor E. Frankl)

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VIKTOR FRANKL ZENTRUM WIEN,
Mariannengasse 1/13, 1090 Wien
Infos und Anmeldung: +43 699 1096 1068; office@franklzentrum.org, www.franklzentrum.org

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