Interview mit Dr. med. Altrichter

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Frau Dr. Sabine Altrichter ist Fachärztin für Dermatologie und Allergologie, Prüfärztin in klinischen Studien. Ihre klinischen Schwerpunkte sind: Hereditäres Angioödem, Mastozytose, Urtikaria. Ihre Forschungsinteressen: Aktivierung von Mastzellen Fr. Dr. med. Dr. med. Altrichter arbeitet in der AG von Prof. Dr. Marcus Maurer im Allergie-Centrum- Charité, Department of Dermatology and Allergy.

Was fasziniert Sie an dieser Form der Urtikaria?

Die cholinergische Urtikaria ist eine besondere Form der Urtikaria, bei der die Symptome durch das Schwitzen ausgelöst werden. Das Besondere hierbei ist, dass verschiedene Situationen, die das Schwitzen auslösen, die Quaddeln und den Juckreiz entstehen lassen, also zB. körperliche Anstrengung, aber auch Erwärmung in der Sauna, heißen Badewanne oder Dusche, aber auch zB. bei psychischen Stress oder bei Genuss von heißen oder scharfen Speisen und Getränken.

Diese Form der Urtikaria ist extrem häufig, aber es gibt auch ein extrem breites Spektrum, von einigen wenigen sehr flüchtigen Quaddeln die die Patienten kaum belasten bis hin zu Patienten, bei denen (auch mehrmals) täglich fast der ganze Körper von Quaddeln bedeckt ist, mit extremen Juckreiz bis hin zu schmerzhaften Empfindungen. Bei einigen Patienten können auch Schwellungen im Gesicht, zB. Augen, Lippen noch dazukommen.

Anders als bei der chronischen spontanen Urtikaria sind die Vorgänge im Körper, die zu den Quaddeln an der Haut führen, der sogenannte Pathomechanismus, noch sehr unklar. Außerdem sehen diese Quaddeln deutlich anders aus, als bei den anderen Urtikaria- Formen: sie sind ganz klein, aber oftmals von einer großen Rötung umgeben.

Was ist die Herausforderung in der Behandlung der CholU?

Das Problem bei dieser Form der Urtikaria ist oftmals, dass Patienten versuchen all die Auslöser zu meiden und damit ihr Leben sehr stark einschränken. Viele Patienten haben Probleme im Alltag, beim Einkaufen, Treppensteigen etc. oder auch bei der Arbeit.

Hinzukommt, dass bei dieser Form der Urtikaria viele Patienten sehr jung sind. Der erste Altersgipfel liegt hier bei ca. 20 Jahre, oftmals beginnt die Erkrankung schon im jugendlichen Alter. Diese Patienten ziehen sich dann auch mal komplett aus dem Leben zurück, vermeiden es die Wohnung zu verlassen, da schon kleinste Anstrengungen die Beschwerden auslösen. Ein weiteres Problem ist, dass es kaum wirksame zugelassene Medikamente für die Erkrankung gibt.

Wenn ja, wie lange sind Sie in der Forschung tätig und welche sind Ihre nächsten Ziele?

Insgesamt arbeite ich seit 13 Jahren in einer Spezialsprechstunde für Patienten mit Urtikaria. In den letzten 5-6 Jahren habe ich mich dann speziell für die Erforschung der cholinergischen Urtikaria interessiert, da es hier zwar viele Theorien über den zugrundeliegenden Pathomechanismus gibt, aber kaum belastbare Daten und noch viel weniger klinische Studien für die Behandlung der Patienten. Daher war und ist mein Ziel, die Erkrankung besser zu verstehen,

indem wir Patienten genau Untersuchen und Haut und Blutproben der Patienten auswerten und aber auch gleichzeitig neue Therapieoptionen für die Patienten in Beobachtungsstudien, aber auch Placebo-kontrollierten Studien austesten.

Welche (Immun-)Mechanismen können die CholU auslösen?

Bei der cholinergischen Urtikaria werden mehrere Mechanismen diskutiert: Man sieht bei dieser Form der Urtikaria einen Zusammenhang mit anderen Allergien und es wird bei einem Teil der Patienten eine Allergie gegen Hautkeime im Schweiß vermutet. Auch eine Allergie gegen körpereigene Bestandteile, wie bei der chronischen spontanen Urtikaria erscheint möglich. Bei anderen Patienten sieht man auch insg. vermindertes Schwitzen und hier werden verschiedene Mechanismen, wie verstopfte oder zerstörte Schweißdrüsen oder eine Störung in der Interaktion der Hautnerven mit den Schweißdrüsen vermutet.

In einer Untersuchung mit Affen konnte man die CholU mit Serum übertragen. Ist die CholU ansteckend bzw. übertragbar?

Diese interessanten, aber schon sehr alten Versuche haben eigentlich nur gezeigt, dass bei einigen Patienten ein Faktor im Blut (Serum) eine Rolle spielt. Heute denkt man, dass das v.a. allergische Antikörper, das sogenannte IgE sein könnte. Die cholinergische Urtikaria ist keinesfalls ansteckend und in der Regel auch nicht vererbbar. Urtikaria ist keinesfalls ansteckend und in der Regel auch nicht vererbbar.

Was empfehlen Sie Patientinnen mit CholU, außer, die Auslöser – sofern bereits bekannt – zu vermeiden, noch?

Das meiden der Auslöser ist oftmals sehr schwierig für die Patienten, bzw. kaum möglich, v.a. wenn bereits minimale Anstrengung oder Aufenthalt in warmen Räumen etc. zu den Beschwerden führt. Bei einigen Patienten kann das gezielte Auslösen der Beschwerden, zu eine gewisse Hemmung für weitere Beschwer- den im Laufe des Tages führen. Z.B. joggen morgens mit Beschwerden, um über den Tag relativ Beschwerdefrei zu kommen. Dies klappt aber bei weitem nicht bei allen Patienten und selbst wenn das theoretisch bei einigen Patienten möglich wäre, ist es doch so, dass nachvollziehbarer weise die wenigsten sich freiwillig (täglich) den (starken) Beschwerden aussetzen möchten.

Als Basis der Therapie werden daher aktuell Antihistaminika (Antiallergika) empfohlen. Leider zeigt die Erfahrung bei vielen Patienten, dass diese Therapie nicht ausreichend wirksam ist. Viele Patienten können eine leichte Linderung der Beschwerden erzielen, v.a. des Juckreizes, aber kaum ein Patient erreicht eine völlige Beschwerdefreiheit unter dieser Therapie.

Omalizumab (Xolair) wurde für die Behandlung der chronischen spontanen Urtikaria vor einigen Jahren zugelassen und hat auch in Einzelfallberichten und auch in einer Beobachtungsstudie in unserem Spezialzentrum bei etwas mehr als der Hälfte der Patienten eine sehr gute oder auch komplette Beschwerdefreiheit erzielt. In Deutschland ist diese Therapie aber nur mittels Antrags bei der Krankenkasse und Einzelfallentscheidung mit Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen erhältlich.

Neue Therapieansätze werden gerade in klinischen Studien getestet und sind für Patienten über eine Teilnahme an diesen Studien erhältlich. Diese werden v.a. über spezialisierte Zentren für die Behandlung der Urtikaria angeboten.

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