Die ersten Erkenntnisse über Urtikaria Patient*innen und COVID-19 vom Expertenteam Charité Berlin

Vor wenigen Tagen, wurde bekannt, dass einige Urtikaria Patient*innen an COVID-19 erkrankt sind. Nun liegen die ersten Erkenntnisse vor. Dieses Interview haben wir mit dem Team von Prof. Dr. Marcus Maurer geführt:

Haben Patienten mit chronischer Urtikaria ein erhöhtes Risiko sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren oder einen schweren Verlauf von COVID-19 zu erleiden?

Es gibt keinen medizinischen Grund anzunehmen, dass Patienten mit einer chronischen Urtikaria ein höheres Risiko haben sich mit Sars CoV-2 zu infizieren oder einen schweren Verlauf einer COVID-19 Erkrankung zu erleiden. Die bisherigen Informationen über Infizierte und Erkrankte bestätigen diese Annahme, so wurde z.B. in einer Untersuchung aus Wuhan in China beschrieben, dass der Anteil von Patienten mit chronischer Urtikaria unter COVID-19 Erkrankten genauso hoch ist wie der in der Normalbevölkerung.

Es heißt das Patienten mit Immunschwäche ein erhöhtes Risiko haben schwer krank zu werden, wenn sie sich mit SARS-CoV-2 infizieren. Was heißt Immunschwäche? Welche Erkrankungen führen zu einer Immunschwäche?

Unser Immunsystem schützt uns vor Krankheitserregern bzw. wehrt diese ab. Bei einer Immunschwäche kann unser Immunsystem diese Aufgabe nicht mehr in normalem Maße wahrnehmen. Die Gefahr, dass Infektionskrankheiten auftreten und dass diese schwerer verlaufen als bei Menschen mit intaktem Immunsystem ist erhöht.

Verschiedene Erkrankungen können zu einer Immunschwäche führen. Die vermutlich bekannteste erworbene Immunschwäche ist eine Infektion mit dem HI-Virus (HIV). Darüber hinaus können relativ seltene, angeborene Immunschwächekrankheiten aber auch ganz häufige Erkrankungen, wie die Zuckerkrankheit (Diabetes) das Immunsystem beeinträchtigen. Weiterhin können Krebserkrankungen, wie Leukämien und Lymphome, schwere Leber- und Nierenerkrankungen aber auch Alkoholismus und Mangelernährung zu Immunschwäche führen. Eine Immunschwäche kann aber auch durch eine medizinische Behandlung verursacht sein, z.B. dann, wenn immununterdrückende Medikamente eingesetzt werden müssen. Dies kann der Fall sein um Autoimmunkrankheiten zu bremsen oder zu verhindern, dass es zur Abstoßung von transplantierten Organen bei Organempfängern kommt. Beispiele für immununterdrückende Medikamente sind Kortison und Ciclosporin. Darüber hinaus geht eine Chemotherapie oder Bestrahlung im Rahmen bösartiger Erkrankungen oft mit einer Schwächung des Immunsystems einher.

Was sind die Risikofaktoren für einen schweren Verlauf von COVID-19? Wer muss besonders aufpassen?

Während COVID-19 meistens milde oder sogar unerkannt verläuft, gibt es einige Menschen mit erhöhtem Risiko für eine schwere oder gar tödliche Erkrankung. Grundsätzlich gilt: Je älter die Menschen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe. Dies liegt am weniger gut reagierenden Immunsystem älterer Menschen. Ab etwa 50 Jahren steigt das Risiko stetig mit dem Alter an. Darüber hinaus erhöhen bestimmte Vorerkrankungen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs von COVID-19 – unabhängig vom Lebensalter. Hierzu gehören Erkrankungen der Atemwege, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Zuckerkrankheit (Diabetes), Autoimmunerkrankungen, die zu einer verminderten Immunabwehr führen sowie Leber-, Nieren- und bestimmte Krebserkrankungen. Aber auch Medikamente mit immununterdrückenden Wirkungen können COVID-19 gefährlicher machen. Hierzu gehören z.B. Kortison oder Ciclosporin. Kommen mehrere der genannten Risikofaktoren in einem Menschen zusammen, wie z.B. höheres Lebensalter und Vorerkrankungen oder mehrere Vorerkrankungen gemeinsam, scheint das Risiko für schwere Verläufe besonders hoch zu sein.

Erhöht die Behandlung mit Biologika wie Omalizumab das Risiko an COVID-19 zu erkranken oder schwer krank zu werden?

Aktuell liegen keine Daten zum Auftreten und Schweregrad von COVID-19 bei Patienten mit chronisch spontaner Urtikaria unter der Therapie mit Omalizumab vor.

Die Krankheit chronische spontane Urtikaria allein stellt kein erhöhtes Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf von COVID-19 dar. Sollten jedoch Risikofaktoren wie höheres Lebensalter, Begleiterkrankungen oder immunsupprimierende Medikamente hinzukommen, erhöht sich das Risiko des Patienten. Hierbei stellt die Therapie mit Omalizumab keinen Risikofaktor dar.

Bei Omalizumab handelt es sich um einen humanisierten monoklonalen Antikörper, welcher an Immunglobulin E bindet und somit die Bindung von Immunglobulin E an Allergiezellen wie Mastzellen verhindert und dadurch die Mechanismen reduziert, die zu der Urtikaria-Symptomatik führen. Es ist bekannt, dass Immunglobulin E neben diesen Mechanismen vor allem bei der Abwehr von Wurm- und Parasiten-Infektionen eine Rolle spielt. Bezüglich COVID-19 sind hier keine Interaktionen bekannt. Es ist davon auszugehen, dass Omalizumab keine Auswirkungen auf den Verlauf einer COVID-19 Erkrankung hat.

Wie können sich Patienten mit Risikofaktoren vor einer Infektion schützen?

Sie sollten den aktuellen Anweisungen der zuständigen Landes- und Bundesbehörden zur Kontaktreduzierung Folge leisten und wann immer möglich zu Hause bleiben:

  • Halten Sie einen sozialen Abstandes von mindestens 1,5  bis 2 Metern ein.
  • Verzichten Sie grundsätzlich auf das Händeschütteln.
  • Fassen Sie sich nicht ins Gesicht.
  • Waschen Sie sich mehrfach täglich gründlich die Hände mit Seife oder Händedesinfektion.
  • Verwenden Sie nur Papiertaschentücher und entsorgen Sie diese nach einmaligem Gebrauch sofort in den Müll.
  • Halten Sie die Hustenetikette ein: In die Armbeuge husten oder niesen.
  • Nutzen Sie bei eventuellen Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen durch die zuständigen Behörden (Link: BFARM) in bestimmten Situationen in der Öffentlichkeit (geschlossene Räume, öffentlicher Personennahverkehr, Geschäfte, Schulen, Arbeitsplatz) zusätzlich eine Mund-Nasen-Bedeckung oder einen Mund-Nasen-Schutz.
  • Verwenden Sie Desinfektionsmittel nach Kontakt mit Gegenständen, die von vielen anderen berührt werden (Türklinken, Geländer, Haltegriffe etc.).

Bei Risikopatienten sollte zusätzlich der Impfschutz (Grippe, Pneumokokken) überprüft werden.

Wenn man an COVID-19 erkrankt und eine Medikamentenunverträglichkeit hat, kann man dann überhaupt behandelt werden?

Derzeit stehen keine wirksamen Medikamente zur effektiven Therapie von COVID-19 zur Verfügung. Schwere Verläufe der Erkrankung bedürfen einer Beatmungstherapie mit intensivmedizinischer Überwachung. Klinische Studien mit Medikamenten zur Behandlung des Erkrankungsbildes, aber auch mit potentiellen Impfstoffen für SARS-CoV-2 sind Gegenstand der aktuellen Forschung. Diese Studien werden Hinweise zur Wirksamkeit und Verträglichkeit dieser Medikamente bzw. Impfstoffe zeigen.

Ist man, wenn man COVID-19 gehabt hat, immun, oder kann man die Erkrankung nochmal bekommen, andere anstecken?

Momentan geht man davon aus, dass Betroffene, die eine Covid-19 Infektion überstanden haben, immun sind. Sie können dann auch keine anderen Personen mehr anstecken. Zur Zeit ist jedoch noch unklar, welche Art von Immunschutz nach der Genesung von Covid-19 aufgebaut wird und wie lange diese Immunität anhält.

Es kursieren Information, dass Patienten mit der Blutgruppe A einen schlechteren Verlauf von COVID-19 haben, im Vergleich zu Patienten mit Blutgruppe 0. Stimmt das oder nicht?

Mitte März 2020 ging eine solche Meldung durch die Presse. Eine chinesische Arbeitsgruppe hatte an 2173 Patienten mit COVID-19 in Wuhan und Shenzen herausgefunden, dass Menschen mit der Blutgruppe AB ein höheres Risiko haben als nicht-AB-Blutgruppen (also B, AB und 0), wohingegen Menschen mit der Blutgruppe 0 ein niedrigeres Risiko haben als nicht-0-Blutgruppen (also A, B, AB), sich mit neuen Coronavirus anzustecken (https://doi.org/10.1101/2020.03.11.20031096). Ergebnisse aus einer Teilgruppe weisen darauf hin, dass Blutgruppe A ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf einer COVID-19-Infektion haben. Keines dieser Ergebnisse wurde im weiteren Verlauf von irgendeiner anderen Arbeitsgruppe weltweit bestätigt. Dennoch könnte an den Beobachtungen der chinesischen Ärzte etwas dran sein: Bezüglich Anfälligkeit und Erkrankungsschwere spielen die Blutgruppen bei vielen Erkrankungen  (Malaria, Pest, Hepatitis, Helicobacter und viele andere mehr)  eine Rolle, das ist seit vielen Jahren bekannt und könnte bei COVID-19 auch so sein. Wenn dem so sein sollte, dann sind die Effekte eher gering: Die Schutz- bzw. Risikoeffekte der Blutgruppen sind gegenüber anderen Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Herzerkrankung, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, …. um ein Vielfaches kleiner.

Gibt es schon Informationen, ob es weltweit Urtikaria-Patienten gibt, die bereits an COVID-19 erkrankt sind und ob die Erkrankung bei Urtikaria-Patienten anders verläuft?

Da jeder sich mit dem Sars-CoV-2 Virus infizieren kann, ist davon auszugehen, dass 1-2%, also von 1.000 COVID Patienten ca. 10-20 eine chronische spontane Urtikaria haben. Bei derzeit mehr als 2 Millionen infizierten Menschen sind dies also 20.000-40.000 Patienten mit chronischer Urtikaria und Sars-CoV-2 Infektion. Bislang gibt es einen Bericht aus Wuhan in China in dem beschrieben wird, dass unter den 140 dort untersuchten COVID-19 Patienten zwei Patienten waren die eine chronische Urtikaria hatten, dies entspricht also genau diesen 1-2%. Der Verlauf der COVID Erkrankung bei diesen beiden Patienten zeigte keinen Hinweis darauf, dass die Erkrankung bei Urtikaria-Patienten anders verläuft.

Manche Patienten mit chronischer Urtikaria haben außerdem noch Hypertonie, Übergewicht, Angioödeme, Diabetes, Allergien, Asthma, Bronchitis, Neurodermitis, Rheuma oder Herzerkrankungen. Wie fallen diese Mehrfachbelastungen ins Gewicht wenn man COVID-19 bekommt?

Nach den heutigen Wissensstand zeigen vor allem Patienten mit Übergewicht, Hypertonie, Herzerkrankungen und Diabetes oftmals schwere Verläufe von COVID-19. Je mehr dieser Begleiterkrankungen bestehen, desto höher das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Im Gegensatz dazu gibt es bisher keine Hinweise, dass Allergien, Angioödeme, Neurodermitis und auch Asthma das Krankheitsrisiko erhöhen. Auch bei rheumatischen Erkrankungen, scheint das Risiko nicht erhöht zu sein, jedoch können stark immunsupprimierende Medikamente, die bei rheumatischen Erkrankungen häufiger eingesetzt werden, das Immunsystem insgesamt schwächen und damit dann das Risiko für schwere Verläufe erhöhen.

Wie verhält es sich mit Kortison und COVID-19? Gibt es einen Unterschied zwischen Patienten, die Kortison anlassbezogen einnehmen müssen bspw. aufgrund eines Angioödemes im Hals und Patienten, die täglich Kortison über mehrere Wochen oder Monate einnehmen müssen?

Es gibt zwar keine direkten wissenschaftlichen Belege für den Einfluss einer Einnahme von Kortison auf den Verlauf einer COVID-19 Erkrankung, sicher ist aber, dass eine langfristige Einnahme von Kortison das Immunsystem schwächt und damit auch zu einem erhöhten Risiko für einen schwereren Verlauf einer COVID-19 Erkrankung führt. Darüber hinaus kann die Langzeitanwendung von Kortisontabletten zu Nebenwirkungen wie Diabetes und Bluthochdruck führen kann was wiederum ebenso zu den Risikofaktoren eines schweren Verlaufs einer COVID-19 Erkrankung gehören. Ich möchte betonen, dass dies alles nicht für den akuten und kurzfristigen Einsatz von Kortikosteroiden betrifft, z.B. aufgrund eines Angioödems im Mund- und Hals-Bereich. Bei Patienten mit einer chronischen Urtikaria, die das Kortison als Dauertherapie anwenden bzw. sehr oft Kortison als Notfallmedikament einnehmen müssen, kann eine Umstellung ihrer Therapie, auch unabhängig von der Corona-Pandemie, sinnvoll sein.

Wir halten Sie über neue Erkenntnisse auf dem Laufenden!

 

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Vorheriger Beitrag
Über die Einnahme von Mikronährstoffen, Studie im “Journal of Virology” von Dr. Christian Matthai

Eventuell interessieren Sie auch diese Themen

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Fill out this field
Fill out this field
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed

Menü