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Der „OH SHIT“ Moment!

Viele von uns kennen ihn bereits. Die per se Schrecksekunde. Manchen fährt sie sprichwörtlich in Mark und Bein. Ein Angehöriger, das Kind, der Partner, man selbst oder die Tante müssen in Quarantäne. Entweder hatten Sie Kontakt zu einem Corona-Patienten oder sie sind selbst betroffen.

In meinem Umfeld kennt jetzt fast jeder jemanden, der selbst betroffen war oder ist, schon einmal in Quarantäne musste, manche sogar zweimal oder jemanden, der im Spital, teilweise auch auf einer Intensivstation gelandet ist. Eine meiner Freundinnen hatte auch einen Todesfall. Letzteres ist dann doch die Ausnahme, wenngleich eben leider nicht gänzlich ausschließbar.

Wenn man die Fülle an Erkrankungen kennt, mit denen viele Betroffene zu kämpfen haben, ist es mehr als verständlich, dass die Angst um sich greift. Niemand kann einem sagen, welchen Verlauf die Infektion nehmen wird. Das mit Abstand schwierigste für uns Menschen ist es, mit dem Gefühl der Unsicherheit umzugehen. Unsicherheit lässt alle Möglichkeiten offen und es gibt keine Garantie, kein Versprechen für einen „heilen“ Ausgang. Unsicherheit ist auch mit Abstand eines der schwierigsten, zu bewältigenden Gefühle. Natürlich spielt auch der Faktor Zeit eine große Rolle. Müssen wir uns lediglich für wenige Stunden, Tage, Wochen oder gar Monate oder Jahre in einer Sache gedulden? Auch das Thema ist erheblich, das Unsicherheit in uns auslöst. Eine Schülerin, die unsicher ist, ob sie die Prüfung bestanden hat, macht einen enormen Unterschied zu einer erwachsenen Frau, die um das Leben ihrer Kinder bangen muss. Die eigene Betroffenheit spielt daher eine noch viel größere Rolle.

Viele Urtikaria-Betroffene haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig, mit denen sie fertig werden müssen. Niemand kann  zusätzlich auch noch eine Covid-19 Erkrankung brauchen. Oftmals haben Angehörige zudem kein Verständnis für die Ängste von selbst Betroffenen, egal ob diese berechtigt sind oder nicht. Die Partner, Tanten und Onkel tragen oftmals keinen so großen „Gesundheitsrucksack“ wie die an Urtikaria erkrankten selbst. Das hat daher immer Vor- und Nachteile. Weniger empathische Menschen können dann schlecht nachvollziehen, warum ein Betroffener in Panik gerät und nicht mit der gleichen stoischen Gelassenheit aufwarten kann, wie ein gesunder Mensch, der noch nie in seinem Leben die Erfahrung machen musste, auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen gewesen zu sein.

Das Ausmaß der Angst ist etwas Subjektives. Auch hängt es mit den bisher in unserem Leben gemachten Erfahrungen zusammen. In Sachen Corona handelt es sich um eine reale Angst, eine Bedrohung, die vorhanden ist und deren Ausgang wir noch nicht kennen.

Es ist daher mehr als verständlich, dass sich viele Betroffene so gut es geht schützen möchten und seit Monaten die Kontakte weitestgehend heruntergefahren haben. Einige aus meinem Umfeld verlassen das Haus nicht einmal mehr um einkaufen zu gehen. Sie lassen sich beliefern. Andere haben das Glück aufgrund ihrer Vorerkrankungen freigestellt worden zu sein und sitzen seit Monaten zu Hause. Einige wiederum arbeiten an vorderster Front: den Intensivstationen der Spitäler, Gesundheitszentren und anderen wichtigen Berufen. Hut ab was insbesondere Menschen – trotz ihrer chronischen Erkrankungen – jeden Tag in diesem seit Monaten andauernden Ausnahmezustand auch noch für andere zu leisten in der Lage sind.

Wie man unweigerlich an der Fülle erkennen kann, ist jede Lebenssituation eine eigene. Das wichtigste Geschenk, das wir uns derzeit machen können, ist das gegenseitige Verständnis. Für alle Sorgen, Ängste, Unsicherheiten, Klagen aber auch die kleineren oder größeren Wehwehchen.

Jeder Mensch reagiert eben anders. Ein offenes Ohr für unsere Mitmenschen geht immer.

Ich habe ein paar wirksame Methoden und Werkzeuge zusammengestellt, die helfen können, um die erste Schrecksekunde und die möglicherweise daraus resultierenden Ängste besser bewältigen zu können.

„Erste-Hilfe-Kit“

  1. Für alle die gerne reden

Vertraue dich einem Menschen an, den du magst und bei dem du dich sicher und geborgen fühlst. Jemanden, von dem du weißt, dass er oder sie dich und deine Gefühle ernst nimmt. Dein Gesprächspartner sollte unbedingt gut zuhören und das von dir Gesagte stehen lassen können. Idealerweise ist es jemand, der oder die nicht alle Deine Schilderungen kommentieren muss oder sogleich mit eigenen Erzählungen aufwarten will.

  1. Für alle die gerne Schreiben

Eine gute Möglichkeit ist es jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen ein Tagebuch zu führen. Nicht lange darüber nachdenken, sondern einfach darauf los schreiben und alle Wörter zu Papier bringen, die einem im Kopf herumschwirren. Alle eigenen Bewertungen ausschalten. Auch wenn es einem Anfangs etwas seltsam erscheint und die Wörter oder Sätze zunächst keinen Sinn machen. Nach ein paar Tagen stellt sich ein interessanter Effekt ein.

  1. Für die Kreativen

Nimm Malsachen oder einfach nur einen Bleistift und Papier und beginne deine Angst zu malen. Wie sieht sie aus? Hat sie ein Gesicht? Wie sieht es aus? Gibt es Arme, Beine oder nur einen Rumpf? Welche Farbe hat sie? Stelle dir vor, wie deine Angst aussehen könnte, würde Sie vor dir stehen und dann leg los. Wenn dein Bild fertig ist, lege es für einige Zeit beseite. Später nimmst du es noch einmal zur Hand und lässt das Bild auf dich wirken. Welche Gefühle löst das Bild jetzt in dir aus? Vielleicht hat die Angst ja auch etwas komisches an sich? Du kannst das in den kommenden Tagen öfter wiederholen. Beobachte deine Gefühle dabei wertfrei.

  1. Für die Bastler

Du kannst dir aus einem festeren Karton eine Maske basteln. Schneide dir die Form eines Gesichtes aus und bemale die Maske mit deiner Angst. Wie sieht die Angst aus? Wer mag, kann die Maske wenn sie fertig ist auch aufsetzen, sich damit vor den Spiegel stellen und die Angst sprechen lassen. Diese Übung kann man auch gut mit der besten Freundin zusammen machen. Sie setzt die Maske, die man selbst gestaltet hat auf und lässt die Angst sprechen. Das geht übrigens auch online sehr gut!

  1. Für die Fortgeschrittenen

Wer im Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen versierter ist, kann sich an seinen Lieblingsort in deinem zu Hause zurückziehen. Sorge für ein paar ungestörte Minuten. Die Übung besteht darin, das Gefühl der Angst zulassen und ihr zu erlauben, sich im gesamten Körper auszubreiten. Die Angst darf einfach durch den Körper wandern, dorthin wohin sie möchte. Bei dieser Methode geht es darum, die Angst wahr- und anzunehmen. Mit jeder einzelnen Zelle deines Organismus. Gefühle sind das Sprachrohr unseres Körpers. Mit dieser Übung nimmst Du deine Angst bewußter wahr. Wenn dir die Angst „zu viel“ werden sollte, steigst du einfach aus dem Gefühl wieder aus, bedankst dich bei deiner Angst und probierst es zu einem anderen Zeitpunkt erneut. (Für Menschen mit Angst- und Panikattacken unbegleitet ungeeignet.)

Ich wünsche allen Betroffenen trotz schwieriger Zeiten ein gutes Gefühlsmanagement und viele verständnisvolle, liebevolle und empathische Menschen im eigenen Umfeld.

Autorin: Silvie Gross, Psychologische Beraterin, systemisch-kunsttherapeutische Supervisorin, Unternehmensberaterin, Organisationsentwicklerin, Dipl. Wirtschafts- und Sozialtrainerin, Dipl. Projektmanagerin und selbst Betroffene. 

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